„Die LWL-Universitätsklinik Hamm stellt nach wie vor die Behandlung von psychisch schwer kranken und instabilen Kindern und Jugendlichen sicher“, sagt Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann.

„Sicherheit und Geborgenheit sind gerade jetzt wichtig!“

Wie die Corona-Krise die Psyche von Kindern und Jugendlichen belastet / Notfallhilfe in der LWL-Universitätsklinik Hamm für Kinder- und Jugendpsychiatrie

Pressemeldung vom 07.04.2020

Hamm (lwl). Das Corona-Virus und die damit verbundenen Einschränkungen führen seit einigen Wochen zu vielen Veränderungen in unserem privaten und beruflichen Alltag. Die psychischen Belastungen der Menschen nehmen zu. Viele Familien verbringen plötzlich sehr viel Zeit miteinander – gemeinsame Zeit, wie sie sonst vielleicht nur zu Weihnachten erlebt wird. Welche Auswirkungen haben die täglichen Beschränkungen für Kinder- und Jugendliche, die psychisch instabil sind und Hilfe benötigen? Wie lässt sich der Wegfall von festen Tagesstrukturen ausgleichen?

Mögliche Auswirkungen der Corona-Maßnahmen und Behandlungsangebote für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen stellt Professor Dr. Dr. Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor der LWL-Universitätsklinik Hamm für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Trägerschaft des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), vor.

 

Schließung der Schulen, Sporteinrichtungen, Absage von Veranstaltungen, Einschränkung der sozialen Kontakte zur Eindämmung der Corona-Pandemie - wie wirken sich diese Maßnahmen insbesondere auf Kinder und Jugendliche aus?

Martin Holtmann: Viele Kinder und Jugendliche reagieren zunächst einmal mit Verunsicherung oder Angst. Einige fühlen sich durch die Krankheit auch persönlich bedroht. Die gewohnten Tagesstrukturen sind aufgebrochen – ohne einen regelmäßigen Ablauf sieht jeder Tag gleich aus. Dies hat je nach Krankheitsbild unterschiedliche Auswirkungen. Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsstörungen wie ADHS leiden insbesondere unter der mangelnden körperlichen Aktivität. Für sie sind jedoch auch geregelte Abläufe und feste Rituale wichtig – diese geben ihnen eine feste Orientierung und bieten Sicherheit. Die sozialen Kontakte und damit der persönliche Austausch entfallen. Eine direkte Kommunikation findet häufig ausschließlich mit den eigenen Familienmitgliedern statt. Hier ist es ganz wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern sprechen und die Sorgen und Ängste ernst nehmen. Genauso wichtig ist es, sich über andere Themen auszutauschen. Wenn nur noch über Corona gesprochen wird, können depressive Stimmungen entstehen oder sich weiter verstärken.

 

Haben sich die Anfragen in den letzten Wochen in der kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik durch Corona verändert?

Martin Holtmann: Wir beobachten eine Zunahme an telefonischen Anfragen und Notfällen und sind darauf in unserer Notfallambulanz vorbereitet. Konflikte in der Familie und häusliche Gewalt nehmen zu. Das ist ein ganz besonderes Problem, das gerade jetzt verstärkt wird, wo viele Familien auch räumlich sehr eng aufeinander leben. Probleme in den Familien, die schon vor Ausbruch des Corona-Virus bestanden haben, werden derzeit noch verstärkt.

 

Welche Anlaufstellen für Kinder, Jugendliche und deren Eltern gibt es, die psychische Unterstützung oder Beratung benötigen?

Martin Holtmann: Die LWL-Universitätsklinik Hamm stellt nach wie vor die Behandlung von psychisch schwer kranken und instabilen Kindern und Jugendlichen sicher. Notfälle können jederzeit vorgestellt werden, wir sind rund um die Uhr erreichbar (Telefon: 02381 893-0). Planbare Behandlungen wurden vorübergehend verschoben. Die ambulanten Kontakte wurden stark reduziert – aber auch hier werden dringende Fälle weiterhin behandelt, zum Teil unterstützt durch telemedizinische Technik. In vielen Städten sind Telefon-Hotlines eingerichtet. In Hamm gibt es die Hotline der Elternschule Hamm (02381 17-6363), die Eltern in allen pädagogischen Fragen helfen. Die Elternschule gibt auch Tipps zur Gestaltung des Alltags in der Familie (www.elternschule-hamm.de ), genauso wie die Stiftung der deutschen Kinderpsychiater (www.achtung-kinderseele.org ).

 

Wie kann jeder Einzelne weiterhin psychisch gesund durch die Krise kommen?

Martin Holtmann: Hilfreich ist die Einhaltung einer gewohnten Tagesstruktur mit festen Ritualen. Gemeinsame Aktivitäten wie Gesellschaftsspiele oder ein Spaziergang an der frischen Luft sind genauso wichtig wie Rückzugsmöglichkeiten für jedes Familienmitglied.  Konflikte gibt es immer wieder, sprechen Sie miteinander, teilen Sie Ihre Ängste und gehen Sie auf die Fragen Ihrer Kinder ein. Sicherheit und Geborgenheit sind gerade jetzt wichtig. Planen Sie medienfreie Zeiten für sich und Ihre Kinder – Nachrichten über das Corona-Virus müssen nicht rund um die Uhr konsumiert werden. Ganz wichtig sind jedoch eine große Portion Humor und ganz viel Nachsicht miteinander– große Erziehungsmaßnahmen sind derzeit nicht sinnvoll.

Pressekontakt:

Klaudia Suilmann, LWL-Universitätsklinik Hamm, Telefon: 02381 893-5018, klaudia.suilmann@lwl.org und Thorsten Fechtner, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
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