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Aktuelles

„Durch meine Arbeit als Erzieherin habe ich unglaublich viel über mich selbst gelernt!“

Seit 1979 arbeitet Renate Schwienhorst in unserer Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Nun geht die Erzieherin, die momentan noch auf der Therapiestation B2 tätig ist, in Rente. Zeit für einen kleinen Rückblick.


Frau Schwienhorst, können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag erinnern?
Sogar ziemlich gut. Ich weiß noch, dass ich herzlich aufgenommen und sehr gut eingearbeitet wurde. Natürlich sind die ersten Tage für eine Berufsanfängerin spannend und herausfordernd. Ich musste viel lernen – unter anderem auch über die unterschiedlichen Krankheitsbilder. Wie gehe ich mit einem Psychose-Patienten um? Wie verhalte ich mich in Krisensituationen? Aber die Kolleg:innen haben mich da gut unterstützt. 


Wie hat sich die Klinik in der Zeit, in der Sie hier gearbeitet haben, entwickelt?
Die Klinik befindet sich natürlich in einem ständigen Wandel. Es gibt stetig neue Anforderungen, die Probleme der Kinder und Jugendlichen, wegen der sie zu uns kommen, werden komplexer, Behandlungskonzepte werden weiterentwickelt und optimiert. Solche Veränderungen wirken sich natürlich auf die eigene Arbeit aus. Als ich hier anfing, war der Pflege- und Erziehungsdienst beispielsweise noch nicht so stark auch in die therapeutische Arbeit oder die Elternarbeit mit einbezogen, sowie das heute der Fall ist. Das empfinde ich als sehr bereichernd, da mein Aufgabenfeld dadurch vielfältiger geworden ist. 


Was war für Sie das Wichtigste, das sie durch Ihre Arbeit an der Klinik gelernt haben?
Ich habe viel über mich selbst gelernt. Die Jugendliche betrachten vieles aus einer anderen Perspektive, das fand ich immer sehr spannend. Dadurch habe ich mich mit Themen wie beispielsweise Identitätskrisen, Ängsten, den Umgang mit Verlusten noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise auseinandergesetzt. Ich musste außerdem die „Ich rette jetzt die Welt“- Einstellung ablegen. Es geht darum, gemeinsam mit den Jugendlichen an ihren Problemen zu arbeiten. Schon kleine Schritte können große Erfolge sein. Wichtig dabei ist auch die Bereitschaft der Patient:innen, Hilfe anzunehmen.


Was waren besonders schöne Momente?
Es ist einfach schön, eine positive Entwicklung bei den Jugendlichen zu beobachten. Wenn beispielsweise ein sozial gehemmter Patient langsam auftaut oder wenn es jemandem mit einer Psychose durch die Behandlung bessergeht. Zu wissen: Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass ein Jugendlicher wieder neue Perspektiven sieht, das ist ein gutes Gefühl. 

Und die größten Herausforderungen?
Ich habe auf unterschiedlichen Stationen gearbeitet, unter anderem im Akutbereich. Den Umgang mit Krisen dort habe ich vor allem zu Anfang meiner beruflichen Tätigkeit persönlich als große Herausforderung empfunden. Es fiel mir auch immer schwer, bestimmte Patientengeschichten, die mich sehr berührt haben, gedanklich nicht mit nach Hause zu nehmen. Daran arbeite ich noch immer.

Was wird Ihnen fehlen, wenn Sie nun in Rente gehen?
Der Kontakt zu den Jugendlichen – die Arbeit mit Ihnen macht mir großen Spaß und der Austausch mit ihnen hält meiner Meinung nach auch definitiv jung! Und auch das Team der Station B2 wird mir fehlen. Über sechs Jahre habe ich nun auf dieser Station gearbeitet und mich hier sehr wohlgefühlt. Es wird außerdem merkwürdig, meine gewohnten Strukturen aufzugeben – daran werde ich mich erst gewöhnen müssen.


Zum Schluss noch eine letzte Frage: Haben Sie Tipps für Berufsanfänger:innen?
In der Zusammenarbeit mit den Jugendlichen geht es nicht darum, die eigenen Ziele zu verfolgen, sondern darum, zu schauen, was möchte der Patient oder die Patientin eigentlich erreichen? Da muss man sich selbst zurücknehmen – das ist ganz wichtig. Weitere Tipps: 

  • Fragen stellen! Nur so kann man lernen.
  • Das Fortbildungsangebot der Klinik nutzen, um sich weiterzuentwickeln
  • Teamplayer sein und die eigene Rolle im Team finden
  • Im Umgang mit den Patient:innen nicht alles persönlich nehmen 
  • Den Kontakt zu den Jugendlichen aktiv suchen, statt sich nur im Dienstzimmer aufzuhalten – so fällt es leichter, Vertrauen zu gewinnen 
Foto von Renate Schwienhorst